Mittwoch, 10. Oktober 2012

Prävention von Zöliakie und Übergewicht beim Baby

Sensible Phasen

Besonders sensibel auf Umwelteinflüsse reagiert der Mensch in Phasen der Organreifung, also im Mutterleib, nach der Geburt und in der frühen Kindheit. Bereits im Mutterleib findet ein umweltabhängiger Lernprozess statt, der vor allem die zentralen Regelinstanzen, das Gehirn und das Genom, prägt. Die Prävention beginnt also bereits bei einer gesunden Ernährung in der Schwangerschaft und geht nach der Geburt mit dem Stillen und der ersten Beikost weiter.

Prävention von Zöliakie durch glutenhaltige Beikost
Was Kinder in sensiblen Entwicklungsphasen essen, spielt offenbar eine Rolle für die Entstehung einer Zöliakie (Glutenunverträglichkeit). Diese immunologisch bedingte Erkrankung wird durch das Klebereiweiß Gluten und verwandte Prolamine ausgelöst. Die Zöliakie ist stark genetisch bestimmt. Ob die Zöliakie ausbricht, hängt jedoch von weiteren, durch Epigenetik und Ernährung beeinflussbaren Faktoren ab. Wichtig ist schon die Ernährung im Säuglingsalter. Bereits frühere Studien ließen vermuten, dass sowohl der Zeitpunkt als auch die Menge der Gluteneinführung mit der Beikost eine Rolle spielen. Lange galt die Regel, Zöliakie-Risikokindern so spät wie möglich Gluten zu geben. Neue Fallkontrollstudien kommen zu einem anderen Ergebnis: Erhält ein Säugling im fünften und sechsten Monat kleine Mengen Gluten, während die Mutter noch stillt, halbiert sich das Risiko eine Zöliakie zu entwickeln. Erfolgt die Einführung früher oder später, also vor dem vierten oder nach dem sechsten Monat, steigt das Risiko einer Zöliakie wieder. Offenbar gibt es ein enges Zeitfenster, in dem der kindliche Körper am ehesten Toleranz gegen Gluten entwickelt.



Frisch pürierter Obst-Getreide-Brei, Sorte Apfel-Banane-Haferflocken Blattgold Dr.Becker ®



Glutenhaltiges Getreide. Hirse und Haferflocken Blattgold Dr.Becker ®


Gluten in der Beikost
Für die Beikost sind Weizen, Dinkel, Hafer und Gerste als glutenhaltige Getreidesorten geeignet. Die Einführung von glutenhaltigen Getreidesorten, solange noch Muttermilch gegeben wird, senkt das Risiko des Säuglings später an Zöliakie zu erkranken. Glutenhaltige Getreidesorten füttert man ab besten indem ein Milch-Getreide-Brei gekocht wird oder ein Obst-Getreide-Brei zubereitet wird. Die folgenden Rezeptvorschläge sind dem Buch „Lotta lernt essen“ entnommen, das ich sehr weiterempfehlen kann.

Milch-Getreide-Brei
Zutaten für 250g:
200 ml Vollmilch 3,5 %
2,5 EL glutenhaltiges Getreide, fein gemahlen z.B. Weizengrieß
3-4 EL Obst- oder Gemüsesaft/-mus
Zubereitung:
Milch und Getreide werden 2-3 Minuten lang geköchelt und mit Obstsaft abgeschmeckt. Anfangs wird der Milch-Getreide-Brei mit einer Halbmilch zubereitet- Halbmilch bedeutet, dass die Milch 1:1 mit Wasser vermischt wird. In den nächsten 2-3 Wochen wird die Milchmenge dann immer weiter erhöht und der Wasseranteil verringert, bis der Milch-Getreide-Brei mit Vollmilch zubereitet wird.

Obst-Getreide-Brei
Zutaten für 250g:
1 gehäufter EL Haferflocken oder Hirseflocken
100 ml kaltes Leitungswasser
150 g Obst
1 TL kaltgepresstes Pflanzenöl
Zubereitung:
Die Haferflocken werden 5 Minuten im Pürierbecher eingeweicht. Das Obst wird gewaschen und kleingeschnitten. Haferflocken und Obst werden zusammen gut durchpüriert. Zum Schluss wird das Pflanzenöl hinzugefügt. Im Kühlschrank aufbewahrt ist der Obst-Getreide-Brei 5 Stunden haltbar.



Glückliches Baby wird von stolzem Papa mit Brei gefüttert Blattgold Dr.Becker ®


Folgen mütterlicher Überernährung in der Schwangerschaft
Sehr gut untersucht ist die Frage, welche Folgen mütterliche Überernährung auf den Fötus hat. Diese Situation liegt vor, wenn die Mutter sehr übergewichtig ist oder an Schwangerschaftsdiabetes leidet. Diese zwei Störungen treten in den letzten Jahren immer häufiger auf und verdoppeln das Makrosomierisiko des Kindes. Makrosomie, un­ver­hält­nis­mä­ßi­ge Grö­ße des Kindes, erhöht nicht nur das Risiko für Geburtskomplikationen, sondern ist auch ein sicheres Zeichen für eine Fehlprogrammierung des Ernährungsstoffwechsels des Babys. Übergewicht bei der Geburt führt zu einer lebenslangen Verdopplung des Risikos, im späteren Leben übergewichtig zu werden.

Drei Ratschläge gegen Fettleibigkeit beim Baby
Aus diesen komplexen Zusammenhängen lassen sich einfache Schlüsse ziehen:
Erstens sollten Schwangere Überernährung vermeiden und nicht für zwei essen. Ab dem Ende des zweiten und im dritten Trimester genügen zusätzlich 200 bis 300 Kilokalorien pro Tag.
Zweitens sollte das Glucosetoleranz-Screening während der Schwangerschaft genutzt werden, das inzwischen Bestandteil der Mutterschaftsrichtlinien ist.
Drittens ist Stillen die beste primäre Präventionsmaßnahme, denn es kann das Risiko für Übergewicht beim Baby dauerhaft um ein Drittel senken.

Künstliche Säuglingsnahrung macht dick
Für diesen Effekt könnte insbesondere der im Vergleich zur Säuglingsnahrung deutlich geringere Proteingehalt der Muttermilch verantwortlich sein. Eine Erklärung für dieses Phänomen liefert die „frühe Protein-Hypothese“. Dass die Proteinversorgung im ersten Lebensjahr beeinflusst den späteren Gewichtsverlauf. Das zeigt eine Studie namens „European Childhood Obesity Project“. Die klinische Doppelblindstudie untersuchte 1678 reifgeborene, gesunde Säuglinge. Die einen erhielten Säuglings- und Folgenahrungen mit niedrigem, die andere mit höherem Eiweißgehalt. Die Kinder wurden bis zu ihrem sechsten Geburtstag weiterverfolgt. In diesem Alter verlief die Gewichtskurve der Niedrig-Proteingruppe parallel zu der Gruppe der ehemals gestillten Kinder. Anders bei den Kindern der Gruppe mit dem höheren Eiweißgehalt in der Nahrung: Sie hatten im ersten Lebensjahr den stärksten Gewichtszuwachs und nahmen ab dem vierten Geburtstag überproportional zu, so dass sie mit sechs Jahren ein doppelt so hohes Risiko hatten, übergewichtig zu sein. Diese Ergebnisse lassen vermuten, dass eine niedrigere Proteinzufuhr im Säuglingsalter das spätere Übergewichtsrisiko senken kann. 

Die Rolle der Epigenetik
Epigenetik – Dieses interessante Teilgebiet der Genetik erforscht molekulare Strukturen, die sich an den Genen befinden. Sie liegen als zweiter Code über dem Genom und programmieren es in Abhängigkeit von Umweltreizen: Epigenetische Strukturen wirken wie Schalter, die Gene an- oder abstellen. Klima, Sport, Dauerstress, Gefühle, Hunger oder ständige Überernährung – Einflüsse aller Art können menschliche Zellen epigenetisch programmieren und ihre Funktionsweise dauerhaft verändern. Auf diese Weise können früh erworbene Eigenschaft, wie Zöliakie oder der Hang zum Übergewicht, bis ins hohe Alter erhalten bleiben.




Quellen:
1. Dipl.-Oecotroph. Dorothee Hahne. Epigenetik und Ernährung: Folgenreiche Fehlprogrammierung. Dtsch Arztebl 2012; 109(40): A-1986 / B-1614 / C-1586

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